Kirchenaustritte sind kein Naturgesetz

Seit 1950 ist die Zahl der evangelischen Kirchenmitglieder von 41,2 Millionen auf 18,6 Millionen Menschen abgerauscht. Die Zahl der Kirchenaustritte blieb 2023 mit rund 380.000 auf dem Rekordniveau des Vorjahres. Der Abstieg ist rasant. Scheinbar hat man sich auch in den höchsten Gremien der EKD mit dem Niedergang arrangiert. „Wir werden eine kleinere und ärmere Kirche, dieser Tatsache müssen wir uns stellen“, kommentiert die EKD-Ratsvorsitzende, die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs.

Wo die Kirchenleitungen versagen

Galt in den Kirchen in den vergangenen Jahren stets die demografische Entwicklung als willkommene Begründung – „Wir werden eben alle weniger“ –, hält heute die sogenannte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU6) als Ausrede her. Darin wollen Soziologen festgestellt haben, dass die Bevölkerung immer säkularer wird und deshalb mit Kirche nichts mehr anfangen kann. Wie praktisch! Wenn das der Grund ist, müsste die Kirche ja nur ihrer Kernkompetenz nachkommen, um das Problem zu lösen. Denn die Hauptaufgabe der Kirche ist nicht, Wahlappelle zu formulieren, sich in ethischen Fragen gesellschaftlichen Trends anzupassen und Themen wie Klimawandel und Migration ins Zentrum zu stellen. Der Kernauftrag der Kirche ist, Menschen den christlichen Glauben so zu vermitteln, dass sie wieder „etwas damit anfangen können“. Genau darin versagen die Kirchenleitungen.

Leere Worte oder Unvermögen?

Zugegeben: Die Säkularisierung ist in offenen, liberalen Gesellschaften ein Megatrend. Doch die Hoffnung der Kirche, den Abwärtstrend durch Anpassung an den gesellschaftlichen Wandel abfedern zu können, hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil: Sie beschleunigt nur die Auflösung der Kirche. Was also tun? Einen ersten richtigen Schritt schien die EKD im letzten Jahr gehen zu wollen. Sie rief das Jahr 2023 zum „Jahr der Taufe“ aus. Das magere Ergebnis: Mit rund 140.000 Taufen gab es etwa 25.000 Taufen weniger als im Jahr davor. Nur leere Worte also – oder Unvermögen?

Gehet hin …

Kirchenaustritte sind kein Naturgesetz. Sollen sich Menschen heute für den Glauben an Jesus Christus entscheiden, geht das nur, wenn man sie dafür gewinnt. Dazu ist ein persönlicher Zugang wichtig. Menschen, die diesen persönlichen Glauben nicht kennen, verlassen die Kirche in Scharen. Die Frommen sind die treuen Kirchenmitglieder. Zu diesem Ergebnis kommt auch die KMU: 96 Prozent aller Kirchlich-Religiösen sind und bleiben Kirchenmitglieder. In einer Denkschrift des Rates der EKD zum Auftrag der Kirche hieß es bereits 2008: „Die Kirche Jesu Christi gibt oder wählt sich ihren Auftrag nicht selbst, sondern sie empfängt ihn von ihrem Herrn. Daraus ergibt sich auch, was die Mitte dieses Auftrags ist: die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus.“ Die Kirche der Zukunft ist eine missionarische Kirche, oder sie wird nicht mehr sein.

Kirchenaustritte ideaspektrum 2024 19

Zur Mitgliederstatistik ein Kommentar von IDEA-Leiter Dennis Pfeifer in idea spektrum 19-2024
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